Ethik ohne Gott
Die Frage, ob Ethik ohne Gott möglich ist, wurde kürzlich (2.12.08 wdr3) ausgiebig im Radio diskutiert und zwar mit drei sehr prominenten Teilnehmern:
Prof. Bernulf Kanitscheider, Philosoph der Naturwissenschaften
Prof. Manfred Lütz, Psychiater, Theologe und Buchautor
Prof. Robert Spaemann, Philosoph und Autor
Bücher zur Sendung:
Prof. Bernulf Kanitscheider: "Die Materie und ihre Schatten. Naturalistische
Wissenschaftsphilosophie", Alibri 2007, € 20,-
Manfred Lütz: "Gott - Eine kleine Geschichte des Größten", Pattloch 2007, €
19,95
Robert Spaemann: "Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und der
Aberglaube der Moderne", Klett-Cotta 2007, € 17,-
Ich glaube die Sendung kann man noch abhören:
http://www.wdr.de/radio/wdr3/sendung.phtml?&sendung=Forum%20WDR%203&termineid=402660&objektart=Sendung
Spaemann stellte die Kernfrage:
Was hindert einen Menschen, der nur noch kurze Zeit zu leben hat und einen Plan für den perfekten Bankraub hat, diesen auszuführen, wenn er absolut sicher ist, dass der Raub zumindest bis zu seinem Tod nicht aufgeklärt wird, wenn er nicht an Gott und die Strafe im Jenseits glaubt?
Die Antwort von Kanitscheider war (sinngemäß): die immer noch, wenn auch minimale, Angst vor der Entdeckung und Bestrafung.
Obwohl der Fall ein völlig theoretisches Konstrukt ist, möchte ich eine etwas andere Antwort versuchen: Ein Kranker der noch zwei Monate vor sich zu leben hat, würde überhaupt keine Bank überfallen wollen. Warum: es nützte ihm überhaupt nichts, wenn er zwei Monate viel Geld und allen Luxus der Welt hätte. Er würde vielmehr versuchen, die Konflikte die er vielleicht noch offen hat, alle friedlich zu lösen und weiter alles zu tun, damit ihn die Nachwelt in guter Erinnerung hat. Das würde ihm in der kurzen Zeit viel mehr innere Befriedigung verschaffen, als das Schwelgen im Luxus. Auch wenn er das geraubte Geld nur wohltätig verteilen würde, müsste er damit rechnen, dass die Polizei viele Jahre später den Raub doch aufklärt, die Beschenkten das Geld wieder abgeben müssen und er nicht als Wohltäter sondern als Verbrecher in Erinnerung bleibt.
Jetzt könnte man als Gegenbeispiel den Amokläufer bringen, der sein Leben mit einer schrecklichen Mordtat beendet und viele Menschen, vielleicht sogar seine eigene Familie mit in den Tod reißt. Dieser Mensch ist nicht krank und unzurechnungsfähig, im Moment der Tat schon nicht mehr im Besitz des freien Willen und der vernunftgeleiteten Entscheidung. Diese Erklärung würde zu kurz greifen. Vielmehr ist es gerade seine bewusste Absicht, den Menschen mit seiner Tat ein möglichst schreckliches und klares Zeichen zu setzen, und ihnen damit die letzte Botschaft mitzuteilen: ihr habt mich immer schlecht behandelt, ihr habt mein Dasein vernichtet. Also auch hier ist es nur das Ziel, der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben, allerdings nicht als Wohltäter, sondern als Racheengel.
Könnte der Glaube so einen Amoklauf verhindern? Das möchte ich nicht prinzipiell ausschließen. Aber es bleibt noch einzuwenden, dass wohl mancher Amokläufer so verzweifelt ist, dass er sogar gegen Gott wütet und Gott für dessen Nichtstun strafen möchte. Ich gehe dabei gar nicht auf die Möglichkeit ein, dass die Religion selbst den Amoklauf empfehlen könnte (Selbstmord-Attentat).
Die bessere Verhinderung wäre also noch immer ein harmonisches Familien- und Sozialleben, in dem es nicht oder nur sehr selten zu solchen Taten kommt. Besser als der Glaube ist daher die vernünftige Sozialordnung und eine Ethik, die sich so wie es Kanitscheider erläutert hat, aus der Tradition des Handelns ganz von selbst gebildet hatte und die niemals für alle Zeiten endgültig sein kann. Wenn z. B. die Wissenschaften Möglichkeiten entdecken, den Menschen genetisch zu programmieren (was sie heute noch nicht kann!!!), so liefert dafür die Tradition aus der Steinzeit keinerlei Entscheidungs-Grundlagen über gut und böse. Die Kopplung von Ethik mit Metaphysik (Gott) kann demnach nur schädlich sein. Andererseits gibt es sehr alte Konsensinhalte, z. B. den Hippokratischen Eid, die schon auf Grund ihres Alters eine hohe Wahrheitsvermutung enthalten. Dennoch: das Alter macht eine Tradition nicht prinzipiell ewig gültig.
Zusammenfassend kann man sagen: der Kantische Imperativ könnte ersetzt werden durch die Maxime:
„Handle so, dass du glauben kannst mit der Wirkung deiner Handlung auch nach deinem Tod in der von dir als ideal betrachteten Erinnerung zu bleiben, also handle so wie wenn es die letzte Handlung vor deinem Tod wäre.“ Ich gebe zu, die Formulierung von Kant ist wesentlich eleganter. Außerdem würde dieser Imperativ den Amoklauf prinzipiell nicht ausschließen. Als praktischer Grundsatz könnte er aber die überwiegende Zahl von ethischen Entscheidungen abdecken.
Mittwoch, 30. Januar 2008
Ethik ohne Gott?
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